Rezension „Süddeutsche Zeitung“ Foto-Haiku-Edition von Christa Sturm über Dachau

Dachau Frontpage 300x300Süddeutsche Zeitung 8. Januar 2016, 18:58 Uhr

Knapp und kraftvoll
Die passionierte Fotokünstlerin Christa Sturm schreibt auch Haikus. Mehr als 600 Gedichte hat sie schon verfasst. 

 

 

SZ Selbstporträt <1MBDie schöne neue Welt, sie bringt immer neue Formen des Ausdrucks hervor - und immer neue Formen der Beschränkung. 2007 verfasste der Finne Hannu Luntiala den Roman "Die letzten Nachrichten", bestehend aus 1000 SMS-Kurznachrichten. Inzwischen gibt es sogar SMS-Literaturwettbewerbe. Dabei kennt die japanische Literatur schon seit Jahrhunderten die Kunstminiatur des Haikus, kurze Dreizeiler mit festgelegtem Silbenschema. In Deutschland sind Haikus schon seit fast hundert Jahren etabliert, auch von so bekannten Lyrikern wie Rainer Maria Rilke. Nun hat auch die Fotokünstlerin Christa Sturm aus Fahrenzhausen einen Band mit Haikus veröffentlicht, "Leben, Tod und Kieselsteinbänke" heißt er, und beschäftigt sich knapp und auf seine Weise doch sehr ausführlich mit Dachau, weshalb die Stadt die limitierte Künstleredition für knapp 150 Euro hat anschaffen lassen. Im Stadtarchiv ist das Buch für jeden einsehbar. 60 Fotografien und 60 Gedichte sind in dem Band versammelt. Unterteilt sind sie in sechs Themengebiete, die Dachau und seine Umgebung schlaglichtartig beleuchten: die "Kiessteingrube" in Obergrashof, das Schloss, die KZ-Gedenkstätte und den "Schießstand" in Hebertshausen, das Naturschutzgebiet Schwarzhölzl, das eigentlich schon auf Münchner Grund liegt, und die ehemalige MD-Papierfabrik. Sturm weitet die klassische Landschaftsbetrachtung auf das Technische aus, das Industrielle, das Architektonische. "Für mich sind das auch Landschaften", sagt die 49-jährige Künstlerin, die schon in den Achtzigerjahren ihre ersten Haikus verfasst hat. Die Knappheit gibt den Texten eine unheimliche Kraft und Unmittelbarkeit, obwohl Christa Sturm es mit der traditionellen Beschränkung der Haikus aufs streng Gegenständliche nicht ganz so genau nimmt. Sie erlaubt sich Abstraktion. "Ich sehe auch viele Landschaften abstrakt: der Horizont als Trennlinie zwischen zwei Flächen". Der Blick der Fotografin bestimmt auch die Ausdrucksweise der Literatin, und manchmal schlägt auch eine dekonstruktivistische Note durch. Dann werden Wörter auch einmal auseinandergerissen und neu zusammengesetzt. Eine Impression von den Kiesseen in Obergrashof liest sich so: "Weiher grenzt an Weiher / Anarchie gemahnend Ordnung Un / sendet Sonne strahlend ihren Untergang". Die Texte sind so eng mit den Fotografien verbunden, dass Christa Sturm für sich den Begriff "Photoetry" geprägt hat, also eine Einheit von Poesie und Fotografie. Sie funktioniert bei den hübschen Naturaufnahmen und -gedichten aus dem Schwarzhölzl am einfachsten. Hier wehen die Reime wie der warme Wind der Kindheit über die Haut. Das ist gefällig, aber nicht so spannend wie die morbide Schönheit des Verfalls in einem Dreizeiler zu kondensieren wie etwa bei der MD-Papierfabrik. "Kabel von Decken winden / Wunden metallner Wesenheiten gleich /tropfen aus Strängen rot Momente von Vergangenheit". Allerdings kann die Verquickung von Bild und Text auch schief gehen: dann nämlich, wenn die Ästhetik des Fotos die historische Wirklichkeit bis zur Verzerrung überformt. So gibt es eine Aufnahme aus dem historischen Brausebad des ehemaligen Konzentrationslagers mit den Einlässen für tödliches Giftgas, das hier zwar nie zum Einsatz kam, aus diesem Ort aber trotzdem kein heimeliges Plätzchen macht. Auf dem Foto ist der Raum von dunklen Schatten eingefasst, das Zentrum ist vom einfallenden Sonnenlicht freundlich illuminiert. So liest sich das dazugehörige Haiku. "Warmer Ofen heiß / lässt Temperaturen angenehm steigen / beim Auskleiden bereit zum Bade." Darf man einen Leidensort der Opfer beschreiben, als wäre es eine Wellness-Oase? Christa Sturm interessiert sich in ihren Arbeiten vor allem für Brüche, und einer dieser Brüche ist der Gegensatz der Gräueltaten, die hier einst begangen wurden, und die Freundlichkeit, mit der der Gedenkort die Besucher heute empfängt. Aber ein Werk muss für sich selbst sprechen, da mögen Christa Sturms Absichten noch so lauter sein: Die radikale Subjektivität wirkt verstörend, manche könnten sie als Zynismus missdeuten. Es gibt Sachverhalte, die zu komplex sind für Aussagen in drei Zeilen. Reizvoll ist das Oeuvre der aus dem Saarland stammenden Künstlerin gleichwohl. Mit Text und Bild hat sie sich ihre neue Heimat künstlerisch angeeignet, und dieser neue Blick aus der Halbtotale dürfte gerade für die schon länger in Dachau Lebenden spannend sein. Allerdings muss man sich für diese 37 Seiten viel Zeit nehmen, um sie mit Gewinn zu lesen. Es ist eine Entdeckungsreise der besonderen Art, 60 Kurztrips mit Bildern. Ungeeignet für Schnellleser.

Zu beziehen ist die Edition zu einem Preis von 149 Euro bei der Buchhandlung Wittmann in Dachau oder direkt bei Christa Sturm über die Internetseite sturmwert.de.